Vålådalen: Rundwanderung zum smaragdgrünen Blanktjärnana
Der Duft von feuchtem Moos, harzigen Kiefern und der kühlen, klaren Bergluft weht durch die leicht geöffnete Seitenscheibe unseres Allrad-Campers, während die grobstolligen Reifen beständig über den Asphalt der schmaler werdenden Straße rollen. Unser Ziel liegt tief im schwedischen Jämtland, fernab der großen Transitrouten, am absoluten Ende einer Sackgasse. Wir steuern das Våladalen an, ein riesiges Naturreservat, das den Inbegriff von skandinavischer Wildnis darstellt. Wer sein Reisemobil in diese abgelegene Region steuert, sucht keine belebten Touristen-Hotspots, sondern unberührte Natur, absolute Stille und das Abenteuer auf den Trails. Genau hier, am Fuße massiver Fjäll-Gipfel, beginnt eine der faszinierendsten Tagestouren der gesamten Provinz: die Blanktjärnsrundan. Das unangefochtene Highlight dieser Wanderung ist der See Östra Blanktjärnarna, dessen Wasser in einem so unwirklichen Smaragdgrün und Türkis leuchtet, dass man sich unweigerlich an die Karibik oder an eisige Gletscherseen im Hochgebirge erinnert fühlt.
In diesem Beitrag nehme ich Euch mit auf diese einzigartige Rundwanderung, teile alle wichtigen Fakten zur Anreise mit dem Camper, erkläre die geologischen Besonderheiten des Sees und gehe auf die strengen – aber enorm wichtigen – Verhaltensregeln in diesem sensiblen Ökosystem ein.
Das Våladalen Naturreservat – Wildnis pur im Herzen Jämtlands
Das Våladalen Naturreservat erstreckt sich über eine gigantische Fläche und bildet den Übergang zwischen dichten, tiefen Nadelwäldern und der baumlosen alpinen Tundra des schwedischen Fjälls. Die Landschaft wurde maßgeblich durch die letzte Eiszeit geformt, was sich bis heute an den markanten Tälern, den abgerundeten Bergrücken und den unzähligen wasserreichen Senken ablesen lässt. Majestätische Berggipfel wie das Ottfjället rahmen das Tal ein und bilden eine dramatische Kulisse für jeden Wanderer.
Der Fluß Vålan als Zentrum des Reservats
Zentrales Element des Reservats ist der reißende Fluss Vålån, der sich kraftvoll durch die Täler gräbt und die Lebensader dieser Wildnis bildet. Die Landschaft ist extrem abwechslungsreich: Auf engstem Raum wechseln sich uralte, moosbewachsene Fichten- und Kiefernwälder mit lichten Birkenhainen, weiten offene Moorflächen und alpinen Heidelandschaften ab. Diese Diversität macht das Våladalen zu einem der bedeutendsten Schutzgebiete Schwedens, in dem die natürlichen Prozesse noch weitgehend ohne menschliche Eingriffe ablaufen können. Für uns als Naturliebhaber bedeutet das, dass wir hier eine Umgebung vorfinden, die an Ursprünglichkeit kaum zu übertreffen ist.
Flora und Fauna: Im Reich der schwedischen Braunbären
Wer tief in das Våladalen vordringt, bewegt sich im Lebensraum einiger der faszinierendsten Wildtiere Skandinaviens. Jämtland und die angrenzenden Gebiete beheimaten eine stabile Population des europäischen Braunbären. Die Chance, auf einer Tageswanderung wie der Blanktjärnsrundan tatsächlich einem Bären gegenüberzustehen, ist jedoch verschwindend gering. Braunbären sind extrem scheue Tiere, die den Menschen dank ihrer exzellenten Sinne meist schon lange vor einer möglichen Begegnung bemerken und sich lautlos zurückziehen.
Die beeindruckenden Raubtiere sind typische Allesfresser. Im Frühjahr und Frühsommer stehen oft Insekten, Wurzeln, Gräser und frische Triebe auf ihrem Speiseplan, gelegentlich ergänzt durch Aas oder von Raubtieren geschlagene Beute. Im Spätsommer und Herbst verschieben sie ihren Fokus massiv auf die riesigen Mengen an Blaubeeren und Preiselbeeren, die den Boden der schwedischen Wälder bedecken. Durch diesen kalorienreichen Speiseplan fressen sie sich die nötigen Fettreserven für die lange Winterruhe an, die sie oftmals in verlassenen, ausgegrabenen Ameisenhügeln oder Felshöhlen verbringen.
Elche, Rentiere und Vielfraße
Neben den Bären ist die Region auch Heimat für Elche, Rentiere und Vielfraße. Besonders die Rentiere gehören zum festen Landschaftsbild, da das Våladalen traditionelles Weideland der ansässigen samischen Bevölkerung ist. Auch Vogelliebhaber kommen voll auf ihre Kosten: Von Steinadlern, die majestätisch über den Bergrücken kreisen, bis hin zu Raufußkäuzen in den alten Baumbeständen gibt es unzählige Arten zu entdecken. Die Pflanzenwelt besticht durch ihre extreme Anpassungsfähigkeit an das raue Klima. Zwergbirken, widerstandsfähige Flechten, Wollgras in den Feuchtgebieten und eine Vielzahl an alpinen Blumen machen jeden Schritt abseits der dunklen Wälder zu einem farbenfrohen Erlebnis.
Anfahrt mit dem Wohnmobil: Der Weg ans Ende der Straße
Für viele Overlander ist der Weg bereits ein wesentlicher Teil des Ziels. Die Anreise in das Våladalen ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Wenn man von Östersund kommend der Europastraße 14 in Richtung Westen (Åre) folgt, muss man bei Undersåker den Blinker nach Süden setzen. Ab hier ändert sich der Charakter der Reise dramatisch. Die Zivilisation bleibt Stück für Stück im Rückspiegel zurück, während die Straße tiefer und tiefer in die bewaldeten Täler führt. Etwa eine Autostunde südlich der großen Hauptverkehrsadern taucht man in eine völlige Abgeschiedenheit ein.
Die Fahrbahn windet sich entlang von Flüssen und Seen, die Ausblicke auf das Fjäll werden mit jedem Kilometer imposanter. Die Straße endet schließlich wortwörtlich in einer Sackgasse direkt an der Våladalens Fjällstation. Die Strecke ist völlig problemlos machbar, da sie durchgängig asphaltiert beziehungsweise sehr gut befestigt ist. Trotzdem vermittelt die Fahrt das großartige Gefühl, in eine isolierte Enklave der Natur vorzudringen, aus der es nur denselben Weg zurück in die Zivilisation gibt.
Übernachten vor Ort: Camping und Stellplätze für Camper
Wer mit dem eigenen Reisemobil anreist, legt großen Wert auf einen guten und sicheren Übernachtungsplatz, der idealerweise direkt als Basecamp für Wanderungen dient. In Våladalen gibt es zwei hervorragende Optionen für uns mobile Reisende.
Stellplatz ohne Service
Direkt am Ende der Straße, wo auch die Wanderwege beginnen, liegt die historische Våladalens Fjällstation, der zentrale Knotenpunkt für alle Outdoor-Aktivitäten in der Region. Der dortige große Parkplatz darf nicht zum übernachten genutzt werden. Wer die Straße jedoch weiter bis zum Ende fährt, erreicht einen großen geschotterten Parkplatz an einem See. Hier darf übernachtet werden und war bei unserem letzten Besuch kostenlos.
Campingplatz
Wer eine klassischere Camping-Infrastruktur sucht, sollte bereits wenige Kilometer vor dem Ende der Straße in Östra Vålådalen Halt machen. Dort befindet sich der Vålågårdens Värdshus & Campingplatz. Dieser charmante und naturnahe Platz bietet rund 40 Stellplätze für Wohnmobile und Wohnwagen, wovon 36 mit Stromanschlüssen ausgestattet sind. Der Platz liegt malerisch direkt am Ufer des tosenden Flusses Vålån und fügt sich perfekt in die raue Fjäll-Umgebung ein. Von hier aus ist die Baumgrenze zu Fuß schnell erreicht und man befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Naturreservat. Es ist der ideale Ort, um die Markise auszufahren, die Ausrüstung zu checken und Abends bei einem warmen Kaffee dem Rauschen des Flusses zuzuhören.
Auf dem Trail: Die Wanderung auf der Blanktjärnsrundan
Sind die Wanderschuhe geschnürt und der Rucksack mit ausreichend Wasser und Proviant bepackt, kann das Abenteuer beginnen. Die Blanktjärnsrundan (Trail 283) ist als klassischer Rundweg angelegt, umfasst gut 11 bis 12 Kilometer Länge und erfordert eine reine Gehzeit von etwa drei bis vier Stunden. Die Strecke ist hervorragend markiert, sodass eine Navigation selbst für Fjäll-Neulinge absolut problemlos ist. Die Tour startet direkt am Parkplatz der Våladalens Fjällstation.
Die Hängebrücke über den Vålån
Bereits nach wenigen Kilometern durch lichten Wald erreicht man das erste architektonische und optische Highlight der Tour: eine schmale, leicht schwankende Hängebrücke, die den reißenden Fluss Vålån überspannt. Von der Mitte der Brücke aus hat man einen spektakulären Blick auf die weite Fjäll-Landschaft, während unter den Wanderstiefeln das kristallklare, kalte Wasser des Flusses hindurchströmt. Nach der Brücke wendet sich der Pfad nach rechts und folgt zunächst noch ein Stück dem Flusslauf, bevor er spürbar in die Wälder abbiegt.
Über Wurzeln, Spänger und Moore
Die Landschaft verändert sich nun rapide. Aus dem offenen Flusstal wird ein immer dichter werdender Wald, in dem knorrige Wurzeln den schmalen Pfad durchziehen. Hier zeigt sich, warum festes Schuhwerk mit einer griffigen Sohle absolute Pflicht ist. Der Weg führt stetig, aber moderat bergauf. Immer wieder weicht der Wald auf und gibt den Blick über weite, offene Moorflächen frei. Um diese fragilen und feuchten Ökosysteme zu schützen – und um den Wanderern trockene Füße zu garantieren – wurden hier hölzerne Stege, die sogenannten Spänger, verlegt. Das monotone Klappern der Wanderschuhe auf dem Holz, umgeben von der weiten Stille der Moore, ist ein absolut meditatives Erlebnis, das man so nur im hohen Norden Skandinaviens findet.
Nach einigen Kilometern wird das Gelände spürbar hügeliger. Der Wald lichtet sich immer öfter und gewährt großartige Ausblicke auf die markanten Bergsilhouetten am Horizont. Kurz bevor man glaubt, der Wald würde kein Ende mehr nehmen, ändert sich plötzlich die Szenerie.
Östra Blanktjärnarna: Warum leuchtet der See so smaragdgrün?
Nach gut sechs Kilometern, fast exakt auf der Hälfte der Route, liegt das Ziel unvermittelt vor einem. Wenn man aus dem dichten Wald heraustritt und den Blick in die Senke richtet, bietet sich ein Anblick, der vollkommen surreal wirkt. Inmitten der dunklen, von tiefgrünen Kiefern und braunen Mooren dominierten Landschaft liegt der Östra Blanktjärnarna – ein See, dessen Wasser in einem extrem intensiven, karibischen Türkisgrün erstrahlt. Der Kontrast zwischen der rauen schwedischen Fjäll-Umgebung und dieser leuchtenden Farboase ist so gravierend, dass man für einen Moment glauben könnte, man sei auf eine optische Täuschung hereingefallen.
Geologischer Hintergrund
Doch es gibt handfeste geologische und physikalische Gründe für dieses Phänomen. Der See wird maßgeblich aus unterirdischen, eiskalten Quellen gespeist. Das Wasser, das dort zutage tritt, ist extrem nährstoffarm (oligotroph). Wo wenig Nährstoffe sind, existieren kaum Algen oder Schwebstoffe organischer Natur, die das Wasser andernorts oft dunkelgrün, bräunlich oder trüb erscheinen lassen. Das Resultat ist eine unglaubliche Sichttiefe. Das Wasser ist buchstäblich glasklar.
Kalk- und Mineralablagerungen als Farbgeber
Das eigentliche Geheimnis der Farbe liegt jedoch auf dem Grund des Sees. Anders als bei den meisten moorigen Gewässern der Umgebung besteht der Boden des Blanktjärnarna nicht aus dunklem Schlamm, sondern aus sehr hellen Kalk- und Mineralablagerungen. Wenn nun das Tageslicht auf die Wasseroberfläche trifft, dringt es ungehindert bis zum hellen Grund vor und wird von dort wie von einem Spiegel reflektiert. Bei diesem Prozess werden vor allem die langwelligen Rot- und Gelbanteile des Sonnenlichts vom Wasser absorbiert, während die kurzwelligen Blau- und Grünanteile gestreut und zurück in unser Auge geworfen werden.
Je höher die Sonne steht und je klarer der Himmel ist, desto extremer leuchtet das Türkis. Es ist pure Physik, vereint mit ungestörter Natur, die dieses atemberaubende Farbenspiel kreiert.
Nachdem man sich an diesem Naturwunder sattgesehen hat, führt der restliche Trail über weitere Holzstege, durch lichte Wälder und sanfte Hügel wieder stetig abwärts zurück zur Våladalens Fjällstation.
Rastplatz am See
Direkt am Blanktjärnana findest Du einen schönen Rastplatz mit Feuerstelle und Sitzgelegenheiten. Es besteht die Möglichkeit über eine Plattform ans Seeufer zu treten. Das Verlassen der markierten Pfade ist hier jedoch streng untersagt.
Respekt vor der Natur: Wichtige Verhaltensregeln im Nationalpark
Die Blanktjärnsrundan erfreut sich wegen ihrer enormen landschaftlichen Schönheit großer Beliebtheit. Genau diese Beliebtheit wurde in den vergangenen Jahren jedoch zu einem ernsthaften Problem für das extrem empfindliche Ökosystem. Der massive Ansturm an Besuchern führte zu starker Bodenerosion und Schäden an der sensiblen Flora. Die Behörden der Provinzverwaltung haben daher konsequent reagiert und sehr strenge Regeln für das Våladalen Naturreservat, und speziell für die Zonen rund um den Blanktjärnarna, erlassen.
Als Gäste in dieser Naturkulisse sind wir verpflichtet, uns penibel an diese Vorgaben zu halten. Die Natur verzeiht hier keine Fehler, und Trittschäden in alpinen Regionen benötigen Jahrzehnte, um sich zu regenerieren.
Schutz der Natur
Folgende Regeln sind rund um die Blanktjärnarna absolut bindend:
- Strenges Betretungsverbot abseits der Wege: Um die Hänge des Sees vor weiterer Zerstörung zu schützen, darf man die offiziell markierten Trails und die extra angelegten Aussichtsplattformen unter keinen Umständen verlassen. Jeder Schritt abseits der Wege ist verboten.
- Absolutes Schwimm- und Bootsverbot: So einladend das türkisfarbene Wasser auch aussehen mag – es ist strengstens untersagt, im Östra Blanktjärnarna zu baden. Ebenso ist die Nutzung von Kanus, Booten oder Stand-Up-Paddle-Boards (SUPs) sowie allen anderen Schwimmhilfen vollständig verboten. Das kalte, nährstoffarme Gewässer ist extrem anfällig für Kontaminationen.
- Drohnenflug-Verbot: Um die Tierwelt, insbesondere Vögel und Rentiere, nicht zu stören, dürfen im Reservat keine Drohnen oder andere motorisierte Fluggeräte gestartet oder gelandet werden.
- Camping-Einschränkungen: Während im restlichen Schweden das Allemansrätten (Jedermannsrecht) weitreichende Freiheiten gewährt, gelten in diesem Naturschutzgebiet Sonderregelungen. Im direkten Umfeld der Östra Blanktjärnarna sowie in anderen spezifischen Zonen des Parks herrscht ein striktes Übernachtungsverbot in Zelten oder Biwaks.
- Feuer machen: Lagerfeuer sind rund um den See komplett untersagt. Ausnahmen bilden lediglich die von der Parkverwaltung explizit ausgewiesenen und eingerichteten Feuerstellen. Dort darf auch ausschließlich das bereitgestellte oder selbst mitgebrachte Holz verwendet werden, niemals jedoch Äste oder gar Totholz aus der Umgebung. Campingkocher dürfen auf festem Untergrund genutzt werden.
Diese Auflagen mögen streng klingen, doch sie sind das einzige Instrument, um dieses Juwel der Natur für kommende Generationen von Wanderern und Overlandern zu erhalten. Wer diese Regeln respektiert, leistet einen direkten Beitrag zum aktiven Naturschutz in Jämtland.
Ausrüstung für die Wanderung
Da es sich hier um eine Tagestour in exponiertem Gelände handelt, ist gute Vorbereitung und Ausrüstung Pflicht!
Lest hierzu gerne unseren Blogbeitrag, wo wir eine komplette Liste an Ausrüstung fürs Hiking im hohen Norden erstellt haben. Auch eine kostenlose PDF als Checkliste steht dort zum Download bereit:
Fazit: Lohnt sich die Wanderung im Våladalen?
Die Fahrt ans Ende der Straße nach Våladalen ist für jeden Reisenden ein herausragendes Erlebnis, das perfekt zu einem authentischen Skandinavien-Abenteuer passt. Die Blanktjärnsrundan selbst ist eine Tagestour, die in Hinblick auf Abwechslungsreichtum und landschaftliche Dramatik nur schwer zu übertreffen ist. Sie vereint alles, was wir an der schwedischen Wildnis lieben: raue Flüsse, dichte Wälder, endlose Moorflächen und als absoluten Höhepunkt einen See, der in seinem smaragdgrünen Glanz vollkommen unwirklich erscheint.
Wer bereit ist, sich auf die raue Natur einzulassen, ordentliches Schuhwerk mitbringt und den strengen, aber notwendigen Naturschutzvorgaben mit tiefem Respekt begegnet, wird hier eine Wanderung erleben, die sich dauerhaft ins Gedächtnis einbrennt. Das Våladalen zeigt auf beeindruckende Weise, warum wir Jahr für Jahr unsere Camper starten und die weite Reise in den hohen Norden antreten – wegen der puren, ungezähmten und unbeschreiblich schönen Wildnis!
Viel Saß bei diesem tollen Hike wünscht Euch Euer Team von Nordlandcamper.de!
*Dieser Artikel ist Teil unserer Serie über das Vålådalen-Naturreservat. Den Beitrag zu unserer Packraft-Tour auf dem Vålån mit allen Details
