Vardø liegt weit im Nordosten Norwegens auf einer kleinen Insel in der Barentssee und fühlt sich schon bei der Anreise anders an als viele andere Orte in der Finnmark. Statt über eine Brücke erreichst Du die Stadt durch einen fast drei Kilometer langen Tunnel unter dem Meer. Dahinter erwartet Dich ein rauer Küstenort, dessen Geschichte eng mit Fischerei, Russland, dem Pomorhandel und der strategischen Lage im äußersten Nordosten Norwegens verbunden ist.
Wir haben Vardø im Spätsommer 2026 auf unserer Reise über die Varanger-Halbinsel besucht. Unser Hauptinteresse galt zwei sehr unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten: dem eindrucksvollen Steilneset Memorial und der riesigen Holzskulptur Drakkar-Leviathan. Anschließend übernachteten wir mit unserem Wohnmobil auf der Insel. Am nächsten Morgen nutzten wir noch die Ver- und Entsorgungsmöglichkeit in Vardø, bevor wir uns auf den Weg nach Hamningberg machten – auf eine Strecke, die für uns zu den landschaftlich außergewöhnlichsten Straßen im hohen Norden gehört.
Vardø – weit draußen an der Barentssee
Vardø blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bereits im Mittelalter entstanden auf der Insel Befestigungsanlagen, mit denen Norwegen seine Interessen im äußersten Nordosten sichern wollte. Die heutige sternförmige Festung Vardøhus wurde im 18. Jahrhundert fertiggestellt. Später entwickelte sich Vardø zu einem wichtigen Ort für den Handel mit den Pomoren von der russischen Weißmeerküste. Stadtrechte erhielt Vardø 1789.
Auch die Lage macht den Ort außergewöhnlich. Vardø befindet sich auf Vardøya, einer Insel unmittelbar vor der Küste der Varanger-Halbinsel. Rundherum bestimmen das Meer, niedrige Vegetation und eine weitgehend baumlose Landschaft das Bild. Dazu kommen die oft wechselnden Wetterbedingungen der Barentssee. Für uns war Vardø deshalb nicht einfach nur ein weiterer Ort entlang unserer Reise durch die Finnmark, sondern ein Ziel mit einer ganz eigenen Atmosphäre.
Durch den Vardøtunnel auf die Insel
Schon die Anfahrt nach Vardø ist ungewöhnlich. Die E75 verschwindet bei Svartnes im Vardøtunnel und führt unter dem Bussesundet hindurch auf die Insel. Der Tunnel wurde 1982 für den Verkehr geöffnet und war der erste Unterwasser-Straßentunnel Norwegens.
Mit knapp drei Kilometern Länge ist er nach heutigen norwegischen Maßstäben zwar nicht außergewöhnlich lang. Trotzdem ist die Fahrt spannend, denn Du tauchst zunächst deutlich unter den Meeresspiegel ab und erreichst auf der anderen Seite direkt Vardøya. Eine Brücke zwischen Insel und Festland gibt es nicht.
Gerade wenn Du mit dem Wohnmobil unterwegs bist, ist die Anreise unkompliziert. Nach dem Tunnel sind die Entfernungen auf der kleinen Insel überschaubar und die verschiedenen Ziele lassen sich gut miteinander verbinden.
Unsere Sehenswürdigkeiten in Vardø
Wir hatten für unseren Besuch keine lange Liste mit Sehenswürdigkeiten zusammengestellt. Statt möglichst viele Punkte abzuhaken, wollten wir uns vor allem Steilneset und Drakkar-Leviathan ansehen. Beide liegen auf Vardøya, könnten in ihrer Wirkung aber kaum unterschiedlicher sein.
Während Steilneset ein stiller und nachdenklicher Erinnerungsort ist, steht Drakkar wie ein riesiges Fantasiewesen auf den Felsen über dem Meer. Gerade dieser Kontrast hat unseren Besuch in Vardø für uns besonders interessant gemacht.
Steilneset Memorial – Erinnerung an die Hexenprozesse
Das Steilneset Memorial erinnert an 91 Menschen, die während der Hexenprozesse des 17. Jahrhunderts in der Finnmark hingerichtet wurden. Der Erinnerungsort entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Schweizer Architekten Peter Zumthor und der französisch-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois.
Besonders eindrucksvoll fanden wir die lange, dunkle Gedenkhalle. Dort wird nicht nur allgemein an die Hexenverfolgungen erinnert, sondern jedes einzelne Opfer bekommt einen eigenen Platz. Dadurch werden aus einer historischen Zahl konkrete menschliche Schicksale.
Wir haben Steilneset einen eigenen ausführlichen Beitrag gewidmet, weil die Geschichte und Architektur des Ortes weit über das hinausgehen, was wir in einem allgemeinen Vardø-Artikel sinnvoll behandeln könnten.
→ Steilneset Memorial in Vardø: Das Hexenmahnmal in der Finnmark
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Ganz im Osten der Finnmark liegt mit dem Steilneset Memorial in Vardø ein Ort, der uns bei unserem Besuch im...
Drakkar-Leviathan – ein riesiges Wesen aus Holz
Ganz anders wirkt Drakkar-Leviathan im Norden von Vardøya. Schon aus einiger Entfernung lässt sich kaum eindeutig sagen, was dort eigentlich auf den Felsen steht. Je nach Blickwinkel erinnert die riesige Holzkonstruktion an ein Wikingerschiff, einen Wal, ein Skelett oder ein mythisches Seeungeheuer.
Die Skulptur entstand im Sommer 2016 und wurde von der russischen Künstlergruppe Taibola Assemble aus der Region Archangelsk/Severodvinsk gebaut. Mit einer Länge von rund 28,5 Metern und einer Höhe von etwa 6,5 Metern ist Drakkar deutlich größer, als es auf manchen Fotos zunächst wirkt.
Für den Bau verwendeten die Künstler unter anderem Holz aus verlassenen Gebäuden in Vardø sowie Material vom alten Hafen. Damit passt das Kunstwerk erstaunlich gut zu seiner Umgebung: Das verwitternde Holz, die kargen Felsen und das Meer bilden eine Einheit, obwohl die Konstruktion gleichzeitig völlig surreal wirkt.
Zwischen Wikingerschiff, Wal und Seeungeheuer
Der Name verrät bereits einen Teil der Idee. Ein Drakkar bezeichnet ein langes Wikingerschiff, während der Leviathan aus alten Überlieferungen als gewaltiges Meereswesen bekannt ist. Die Künstler griffen für die Form sowohl Elemente von Schiffen als auch von Walen auf.
Von der Skulptur blickst Du über das Bussesundet, das Vardøya vom Festland trennt. Genau diese Lage macht Drakkar für uns besonders sehenswert. Würde die Konstruktion irgendwo in einer Stadt stehen, wäre sie zwar immer noch beeindruckend. Auf dem kahlen Felsen über der Barentssee wirkt das riesige Holzgerippe aber wie für diesen Ort geschaffen.
Wir hatten hier außerdem reichlich Gelegenheit für Fotos. Je nachdem, von welcher Seite Du Dich der Konstruktion näherst, verändert sich ihre Form deutlich – mal dominiert das Schiff, mal wirkt Drakkar eher wie das Skelett eines riesigen Tieres.
Weitere Sehenswürdigkeiten in Vardø
Vardø bietet noch mehr als die beiden Orte, die bei unserem Besuch im Mittelpunkt standen. Besonders bekannt ist die Vardøhus Festung. Ihre Ursprünge reichen bis ins Mittelalter zurück, während die heutige sternförmige Anlage aus dem 18. Jahrhundert stammt. Sie spielte aufgrund der strategischen Lage Vardøs über Jahrhunderte eine wichtige Rolle.
Ein weiteres bekanntes Ziel ist Hornøya vor Vardø. Die kleine Insel gehört zu den bedeutenden Vogelbeobachtungsplätzen der Region und ist besonders für ihre großen Seevogelkolonien bekannt. In der Saison werden Bootsfahrten von Vardø zur Insel angeboten.
Wir haben diese beiden Ziele bei unserem Aufenthalt nicht selbst besucht und können daher darüber auch nicht persönlich berichten. Wer mehr Zeit für Vardø einplant, kann sie aber gut zusätzlich zu Steilneset und Drakkar berücksichtigen.
Mit dem Wohnmobil in Vardø
Vardø lässt sich aus unserer Erfahrung problemlos mit einem größeren Wohnmobil besuchen. Auch mit unserem Iveco Daily 4×4 war die Fahrt durch den Vardøtunnel und über die Insel unkompliziert. Da die Entfernungen auf Vardøya gering sind, mussten wir während unseres Aufenthalts keine langen Strecken zurücklegen.
Nach unseren Besichtigungen haben wir auf einem Parkplatz bei den Koordinaten 70.379932, 31.119014 übernachtet. Für uns war das im Spätsommer 2026 ein praktischer Platz für eine Nacht, bevor wir am nächsten Morgen weiter Richtung Hamningberg gefahren sind.
Ver- und Entsorgung für Wohnmobile in Vardø
Am nächsten Morgen nutzten wir vor der Weiterfahrt noch eine für uns sehr praktische Ver- und Entsorgungsmöglichkeit bei 70.372731, 31.109688.
Bei unserem Besuch im Sommer 2026 konnten wir dort kostenlos Frischwasser auffüllen. Für die Entsorgung gab es einen Bodeneinlass, was gerade mit einem fest eingebauten Abwassertank angenehm unkompliziert war. Direkt an der Anlage befindet sich außerdem eine Tankstelle.
Für uns war das eine ideale Gelegenheit, das Wohnmobil noch einmal komplett für die Weiterreise vorzubereiten. Gerade vor der Fahrt nach Hamningberg ist das sinnvoll, denn dort wird die Infrastruktur deutlich dünner.
Von Vardø weiter nach Hamningberg
Nach der Ver- und Entsorgung verließen wir Vardø wieder durch den Tunnel und machten uns auf den Weg nach Hamningberg. Damit begann für uns gleichzeitig einer der landschaftlich spannendsten Abschnitte unserer Reise durch die Finnmark.
Die Straße von Vardø beziehungsweise Svartnes nach Hamningberg gehört zur Nationalen Landschaftsroute Varanger. Insgesamt verläuft die Landschaftsroute über rund 160 Kilometer zwischen Varangerbotn und Hamningberg. Der letzte Abschnitt Richtung Hamningberg ist schmal und kurvenreich und führt durch eine zunehmend bizarre Felslandschaft.
Gerade diese Fahrt verdient deshalb einen eigenen Beitrag. Dort zeigen wir Dir die Strecke, unsere Erfahrungen mit dem Wohnmobil und die Landschaft zwischen Vardø und Hamningberg ausführlicher.
→ Unser Beitrag über die Fahrt von Vardø nach Hamningberg folgt.
Wie viel Zeit solltest Du für Vardø einplanen?
Wenn Du hauptsächlich Steilneset und Drakkar besuchen möchtest, kannst Du beide Sehenswürdigkeiten gut an einem Tag miteinander verbinden. Wir würden trotzdem nicht versuchen, Vardø nur als schnellen Abstecher auf dem Weg nach Hamningberg mitzunehmen.
Gerade Steilneset verdient etwas Zeit, während sich Drakkar hervorragend mit einem Spaziergang und einigen Fotostopps verbinden lässt. Mit einer Übernachtung auf der Insel konnten wir unseren Besuch entspannt gestalten und am nächsten Morgen nach der Ver- und Entsorgung direkt weiterfahren.
Wer zusätzlich Vardøhus, Hornøya oder Museen besuchen möchte, sollte entsprechend mehr Zeit einplanen.
Unser Fazit zu Vardø
Vardø war für uns weniger wegen einer großen Zahl klassischer Sehenswürdigkeiten interessant, sondern wegen der ungewöhnlichen Mischung aus Geschichte, Kunst und rauer arktischer Küstenlandschaft. Steilneset hat uns mit seiner bedrückenden Geschichte und der außergewöhnlichen Architektur beeindruckt, während Drakkar-Leviathan fast das genaue Gegenteil verkörpert: ein riesiges, fantasievolles Kunstwerk auf einem einsamen Felsen über dem Meer.
Auch mit dem Wohnmobil hat Vardø für uns gut funktioniert. Wir konnten auf der Insel übernachten und am nächsten Morgen Frischwasser auffüllen sowie entsorgen, bevor unsere Reise weiterging. Vor allem aber bildet Vardø einen hervorragenden Übergang zum nächsten Höhepunkt der Varanger-Halbinsel: der Fahrt durch die wilde Küstenlandschaft nach Hamningberg.
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