Aktien bewerten: Die wichtigsten Kennzahlen einfach erklärt
Wer eine Aktie kaufen möchte, sollte sich nicht ausschließlich vom aktuellen Aktienkurs oder von einer positiven Schlagzeile leiten lassen. Eine fundierte Aktienbewertung hilft dabei, ein Unternehmen genauer unter die Lupe zu nehmen und einzuschätzen, ob der aktuelle Aktienkurs angemessen erscheint.
Gerade für Anfänger wirkt die Aktienanalyse zunächst kompliziert. Begriffe wie KGV, PEG-Ratio, KUV, KBV, Eigenkapitalrendite oder Free Cashflow können schnell für Fragezeichen sorgen. Dabei steckt hinter den meisten Kennzahlen eine relativ einfache Frage:
Wie teuer ist das Unternehmen im Verhältnis zu dem, was es verdient, besitzt und in Zukunft verdienen könnte?
Genau darum geht es bei der Aktienbewertung.
Zusammenspiel der Kennzahlen
Eine wichtige Grundregel vorweg: Es gibt nicht die eine Kennzahl, die zuverlässig zeigt, ob eine Aktie günstig oder teuer ist. Ein niedriges KGV bedeutet beispielsweise nicht automatisch, dass eine Aktie ein Schnäppchen ist. Vielleicht sinken die Gewinne des Unternehmens. Umgekehrt kann ein hohes KGV durchaus gerechtfertigt sein, wenn ein Unternehmen stark wächst und seine Gewinne in den kommenden Jahren deutlich steigern kann.
Eine gute Aktienanalyse für Anfänger sollte deshalb mehrere Kennzahlen miteinander kombinieren. Zusätzlich spielen das Geschäftsmodell, die Wettbewerbssituation, die Verschuldung und die Zukunftsaussichten eine wichtige Rolle.
In diesem Artikel schauen wir uns die wichtigsten Kennzahlen zur Aktienbewertung Schritt für Schritt an. Anschließend folgt eine praktische Anleitung, mit der sich eine Aktie systematisch analysieren lässt.
Was bedeutet Aktienbewertung?
Bevor wir uns mit einzelnen Kennzahlen beschäftigen, sollten wir zunächst klären, was mit Aktienbewertung überhaupt gemeint ist.
Wer eine Aktie kauft, erwirbt einen Anteil an einem Unternehmen. Der Anleger beteiligt sich damit auch an dessen zukünftiger wirtschaftlicher Entwicklung.
Steigen beispielsweise Umsatz und Gewinne über viele Jahre, kann das Unternehmen wertvoller werden. Der Aktienkurs kann diese Entwicklung langfristig widerspiegeln.
Der Aktienkurs allein sagt allerdings wenig darüber aus, ob eine Aktie günstig oder teuer ist.
Eine Aktie kann 20 Euro kosten und trotzdem teuer bewertet sein. Eine andere Aktie kann 500 Euro kosten und gleichzeitig vergleichsweise günstig sein.
Entscheidend ist nicht der absolute Aktienkurs, sondern das Verhältnis zwischen Preis und wirtschaftlicher Leistung des Unternehmens.
Genau hierfür gibt es verschiedene Kennzahlen.
1. KGV – das Kurs-Gewinn-Verhältnis
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV, gehört zu den bekanntesten Kennzahlen der Aktienanalyse.
Es setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie.
KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie
Ein einfaches Beispiel:
Eine Aktie kostet 100 Euro. Das Unternehmen erzielt einen Gewinn von 5 Euro je Aktie.
Das KGV beträgt:
100 € ÷ 5 € = 20
Das Unternehmen wird an der Börse somit mit dem 20-Fachen seines Gewinns je Aktie bewertet.
Was sagt das KGV aus?
Das KGV hilft dabei, die Bewertung verschiedener Unternehmen miteinander zu vergleichen.
Ein KGV von 15 erscheint zunächst günstiger als ein KGV von 30. Daraus sollte man jedoch noch keine Kaufentscheidung ableiten.
Denn die Unternehmen können sich hinsichtlich ihres Wachstums erheblich unterscheiden.
Ein Unternehmen mit stagnierenden Gewinnen kann mit einem KGV von 15 bereits teuer sein. Ein Unternehmen mit stark steigenden Gewinnen kann dagegen auch bei einem KGV von 30 interessant bewertet sein.
Deshalb sollte das KGV immer zusammen mit dem erwarteten Gewinnwachstum betrachtet werden.
Historisches und erwartetes KGV
Beim historischen KGV wird der tatsächlich erzielte Gewinn zugrunde gelegt.
Beim Forward-KGV beziehungsweise erwarteten KGV werden dagegen prognostizierte zukünftige Gewinne verwendet.
Das macht die Kennzahl zukunftsorientierter, erhöht aber gleichzeitig die Unsicherheit. Schließlich sind Gewinnprognosen keine Garantie.
Wie sollte man das KGV vergleichen?
Besonders sinnvoll sind drei Vergleiche:
- Vergleich mit Wettbewerbern
- Vergleich mit der historischen Bewertung des Unternehmens
- Vergleich mit dem erwarteten Gewinnwachstum
Ein niedriges KGV ist deshalb eher ein Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen als ein fertiges Kaufsignal.
Merksatz: Das KGV zeigt, wie viel Anleger für den aktuellen Gewinn eines Unternehmens bezahlen.
2. PEG-Ratio – Bewertung und Wachstum zusammen betrachten
Die PEG-Ratio ist eine besonders interessante Ergänzung zum KGV.
PEG steht für Price/Earnings to Growth. Die Kennzahl setzt das KGV ins Verhältnis zum erwarteten jährlichen Gewinnwachstum.
PEG-Ratio = KGV ÷ erwartete jährliche Gewinnwachstumsrate in Prozent
Damit beantwortet die PEG-Ratio eine Frage, die beim KGV offenbleibt:
Wie viel bezahle ich für das erwartete Gewinnwachstum?
Beispiel für die PEG-Ratio
Nehmen wir zwei Unternehmen.
Unternehmen A:
- KGV: 15
- erwartetes Gewinnwachstum: 5 Prozent
- PEG-Ratio: 15 ÷ 5 = 3,0
Unternehmen B:
- KGV: 30
- erwartetes Gewinnwachstum: 30 Prozent
- PEG-Ratio: 30 ÷ 30 = 1,0
Beim KGV erscheint Unternehmen A zunächst deutlich günstiger.
Die PEG-Ratio zeigt jedoch ein anderes Bild. Unternehmen B hat zwar ein doppelt so hohes KGV, wächst aber voraussichtlich wesentlich schneller.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Unternehmen B die bessere Aktie ist. Es zeigt lediglich, dass das höhere KGV durch das erwartete Wachstum möglicherweise besser gerechtfertigt ist.
Wie wird die PEG-Ratio interpretiert?
Als grobe Orientierung wird häufig folgende Einteilung verwendet:
- PEG unter 1: Bewertung erscheint im Verhältnis zum erwarteten Wachstum eher günstig
- PEG um 1: Bewertung und Wachstum stehen ungefähr in einem ausgewogenen Verhältnis
- PEG über 1: Bewertung erscheint im Verhältnis zum erwarteten Wachstum zunehmend höher
Diese Werte sind allerdings keine festen Regeln.
Eine PEG-Ratio von 0,8 bedeutet nicht automatisch, dass eine Aktie unterbewertet ist. Ebenso ist eine PEG-Ratio von 1,5 kein automatisches Verkaufssignal.
Der entscheidende Schwachpunkt der PEG-Ratio liegt in der Wachstumsprognose.
Das Problem mit den Prognosen
Angenommen, eine Aktie hat ein KGV von 40 und das erwartete Gewinnwachstum beträgt 40 Prozent.
Die PEG-Ratio liegt damit bei:
40 ÷ 40 = 1,0
Auf den ersten Blick sieht das interessant aus.
Wenn das Unternehmen tatsächlich aber nur 15 Prozent pro Jahr wächst, ergibt sich:
40 ÷ 15 = 2,67
Die Bewertung wäre damit im Verhältnis zum tatsächlichen Wachstum wesentlich höher.
Deshalb ist die PEG-Ratio nur so gut wie die zugrunde liegende Wachstumserwartung.
Gerade bei stark wachsenden Unternehmen solltest du deshalb prüfen, ob das erwartete Wachstum realistisch erscheint.
Merksatz: Das KGV zeigt, was du für den Gewinn bezahlst. Die PEG-Ratio zeigt zusätzlich, wie diese Bewertung im Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum aussieht.
3. KUV – das Kurs-Umsatz-Verhältnis
Das Kurs-Umsatz-Verhältnis, kurz KUV, setzt die Bewertung eines Unternehmens ins Verhältnis zu seinem Umsatz.
KUV = Marktkapitalisierung ÷ Umsatz
Alternativ lässt sich das KUV vereinfacht auch anhand von Aktienkurs und Umsatz je Aktie berechnen.
Beispiel
Ein Unternehmen ist an der Börse 1 Milliarde Euro wert und erzielt einen Jahresumsatz von 500 Millionen Euro.
Das KUV beträgt:
1.000 Mio. € ÷ 500 Mio. € = 2
Der Börsenwert entspricht somit dem Zweifachen des Jahresumsatzes.
Das KUV kann besonders interessant sein, wenn ein Unternehmen noch keinen Gewinn erzielt. Bei einem Unternehmen mit Verlust lässt sich beispielsweise kein sinnvolles klassisches KGV berechnen.
Das KUV kann trotzdem einen ersten Eindruck von der Bewertung liefern.
Umsatz ist nicht gleich Gewinn
Ein wichtiger Punkt darf dabei nicht vergessen werden:
100 Millionen Euro Umsatz sind nicht automatisch 100 Millionen Euro Gewinn.
Ein Unternehmen mit einer sehr hohen Gewinnmarge kann wesentlich profitabler sein als ein Unternehmen mit demselben Umsatz und sehr niedrigen Margen.
Deshalb sollte das KUV immer gemeinsam mit der Profitabilität betrachtet werden.
Besonders interessant sind:
- Umsatzwachstum
- Gewinnmarge
- Gewinnwachstum
- Wettbewerbssituation
- Geschäftsmodell
4. KBV – das Kurs-Buchwert-Verhältnis
Das Kurs-Buchwert-Verhältnis, kurz KBV, setzt den Börsenwert eines Unternehmens ins Verhältnis zu seinem bilanziellen Eigenkapital.
KBV = Marktkapitalisierung ÷ Eigenkapital
Ein KBV von 1 bedeutet vereinfacht, dass Börsenwert und bilanzielles Eigenkapital ungefähr gleich hoch sind.
Bei einem KBV von 2 bewertet der Markt das Unternehmen mit dem Zweifachen seines bilanziellen Eigenkapitals.
Wann ist das KBV besonders interessant?
Das KBV kann beispielsweise bei Unternehmen interessant sein, deren Vermögenswerte einen großen Teil des Geschäfts ausmachen.
Dazu gehören unter anderem bestimmte Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen.
Bei Unternehmen, deren Wert vor allem aus Marken, Software, Patenten oder anderen immateriellen Faktoren besteht, ist das KBV dagegen schwieriger zu interpretieren.
Ein niedriger Buchwert bedeutet nicht automatisch, dass eine Aktie günstig ist.
Merksatz: Das KBV zeigt, wie der Markt das bilanzielle Eigenkapital eines Unternehmens bewertet.
Keine neuen Trading2Travel-Beiträge verpassen
Du interessierst Dich für ETFs, Börse und langfristigen Vermögensaufbau? Dann informieren wir Dich per E-Mail, wenn es Neues bei Trading2Travel gibt.
5. Dividendenrendite – wie viel schüttet das Unternehmen aus?
Für viele Anleger ist die Dividende ein wichtiger Bestandteil der Aktienrendite.
Die Dividendenrendite setzt die jährliche Dividende ins Verhältnis zum aktuellen Aktienkurs.
Dividendenrendite = Dividende je Aktie ÷ Aktienkurs × 100
Beispiel:
Eine Aktie kostet 50 Euro und das Unternehmen zahlt 2 Euro Dividende je Aktie.
Die Dividendenrendite beträgt:
2 € ÷ 50 € × 100 = 4 %
Der Anleger erhält damit – bezogen auf den aktuellen Aktienkurs – eine Dividende von 4 Prozent.
Eine hohe Dividendenrendite ist nicht automatisch gut
Eine hohe Dividendenrendite kann attraktiv aussehen. Sie kann aber auch eine Warnung sein.
Nehmen wir an, eine Aktie fällt von 50 auf 25 Euro. Die Dividende bleibt zunächst bei 2 Euro.
Die Dividendenrendite steigt dadurch rechnerisch von 4 auf 8 Prozent.
Der Grund für die hohe Rendite ist in diesem Fall aber nicht eine großzügigere Ausschüttung, sondern der stark gefallene Aktienkurs.
Deshalb solltest du zusätzlich prüfen:
- Wie entwickelt sich der Gewinn?
- Wie hoch ist die Ausschüttungsquote?
- Wie entwickelt sich der Free Cashflow?
- Wie stabil war die Dividende in der Vergangenheit?
- Kann das Unternehmen die Dividende langfristig finanzieren?
Eine hohe Dividendenrendite allein ist deshalb kein ausreichendes Kaufargument.
6. Umsatzwachstum – wächst das Unternehmen?
Ein Blick auf den aktuellen Umsatz reicht bei einer Aktienanalyse nicht aus.
Wichtig ist auch die Entwicklung über mehrere Jahre.
Wächst der Umsatz kontinuierlich?
Steigende Umsätze können ein Zeichen dafür sein, dass die Nachfrage nach den Produkten oder Dienstleistungen des Unternehmens zunimmt.
Allerdings sollte man auch hier genauer hinschauen.
Ein Unternehmen kann beispielsweise seinen Umsatz um 20 Prozent steigern, während der Gewinn nur um 5 Prozent zunimmt.
Das kann darauf hindeuten, dass die Kosten überproportional steigen.
Noch interessanter ist deshalb die Kombination aus:
Umsatzwachstum + Gewinnwachstum + Margenentwicklung
Wenn alle drei Größen positiv sind, kann das auf ein qualitativ hochwertiges Wachstum hindeuten.
7. Gewinnwachstum – die Entwicklung des Unternehmensgewinns
Der Gewinn ist für die Aktienbewertung von zentraler Bedeutung.
Ein Unternehmen, dessen Gewinn langfristig wächst, kann seinen Wert steigern und möglicherweise höhere Dividenden zahlen.
Für die Analyse solltest du nicht nur das letzte Geschäftsjahr betrachten.
Interessanter ist die Entwicklung über mehrere Jahre.
Beispielsweise:
- Gewinn vor fünf Jahren: 2 Euro je Aktie
- Gewinn vor drei Jahren: 3 Euro je Aktie
- Gewinn aktuell: 4 Euro je Aktie
Ein solcher Verlauf kann auf ein kontinuierliches Gewinnwachstum hindeuten.
Allerdings sollte man immer hinterfragen, warum die Gewinne steigen.
Ist der Umsatz gewachsen?
Sind die Margen gestiegen?
Wurden Kosten reduziert?
Wurden Unternehmen übernommen?
Oder gab es lediglich einen einmaligen Sondereffekt?
Diese Unterscheidung ist für eine gute Aktienanalyse entscheidend.
8. Gewinnmarge – wie profitabel arbeitet das Unternehmen?
Die Gewinnmarge zeigt, welcher Anteil des Umsatzes als Gewinn übrig bleibt.
Gewinnmarge = Gewinn ÷ Umsatz × 100
Ein Unternehmen erzielt beispielsweise 100 Millionen Euro Umsatz und 10 Millionen Euro Gewinn.
Die Gewinnmarge beträgt:
10 Prozent
Das Unternehmen verdient also 10 Euro Gewinn je 100 Euro Umsatz.
Warum ist die Entwicklung der Marge wichtig?
Besonders interessant ist nicht nur die Höhe der Marge, sondern ihre Entwicklung.
Steigt die Gewinnmarge, kann das beispielsweise auf folgende Faktoren hindeuten:
- steigende Preise
- effizientere Produktion
- niedrigere Kosten
- Skaleneffekte
- stärkere Marktposition
Sinkt die Marge dagegen dauerhaft, sollte genauer untersucht werden, warum das passiert.
Ein starkes Umsatzwachstum ist wesentlich weniger attraktiv, wenn gleichzeitig die Profitabilität immer weiter sinkt.
9. Eigenkapitalrendite – ROE
Die Eigenkapitalrendite, häufig als ROE (Return on Equity) bezeichnet, zeigt, wie viel Gewinn ein Unternehmen mit dem eingesetzten Eigenkapital erwirtschaftet.
ROE = Gewinn ÷ Eigenkapital × 100
Ein Unternehmen verfügt beispielsweise über 100 Millionen Euro Eigenkapital und erzielt 10 Millionen Euro Gewinn.
Die Eigenkapitalrendite beträgt 10 Prozent.
Warum ist der ROE interessant?
Mit der Kennzahl lässt sich unter anderem vergleichen, wie effizient Unternehmen mit dem Kapital ihrer Eigentümer arbeiten.
Eine hohe Eigenkapitalrendite kann positiv sein.
Allerdings gibt es einen wichtigen Haken:
Eine hohe Verschuldung kann die Eigenkapitalrendite künstlich erhöhen.
Deshalb sollte ein hoher ROE immer gemeinsam mit der Verschuldung betrachtet werden.
Ein Unternehmen, das eine hohe Eigenkapitalrendite bei moderater Verschuldung erreicht, ist grundsätzlich anders zu beurteilen als ein Unternehmen, das diese Rendite nur durch eine sehr aggressive Finanzierung erzielt.
10. Verschuldungsgrad – wie solide ist die Finanzierung?
Unternehmen benötigen häufig Fremdkapital.
Schulden sind deshalb nicht grundsätzlich schlecht.
Problematisch wird es, wenn die Verschuldung so hoch ist, dass das Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Schwierigkeiten bekommt, Zinsen und Tilgungen zu bedienen.
Eine einfache Kennzahl ist der Verschuldungsgrad.
Je nach Berechnungsmethode können unterschiedliche Definitionen verwendet werden. Eine verbreitete Variante setzt das Fremdkapital ins Verhältnis zum Eigenkapital.
Verschuldungsgrad = Fremdkapital ÷ Eigenkapital
Je höher der Wert, desto stärker ist das Unternehmen im Verhältnis zu seinem Eigenkapital fremdfinanziert.
Für die Aktienanalyse ist zusätzlich ein Blick auf die vorhandenen liquiden Mittel sinnvoll.
Denn 100 Millionen Euro Schulden sind anders zu beurteilen, wenn ein Unternehmen gleichzeitig 80 Millionen Euro liquide Mittel besitzt, als wenn praktisch keine Liquidität vorhanden ist.
Bei Banken gelten wiederum andere Besonderheiten, da Fremdkapital dort wesentlich stärker zum Geschäftsmodell gehört.
11. Free Cashflow – wie viel Geld bleibt tatsächlich übrig?
Der Free Cashflow, auf Deutsch häufig als freier Cashflow bezeichnet, ist eine besonders interessante Größe für langfristige Anleger.
Vereinfacht gesagt zeigt er, wie viel Geld nach den notwendigen Investitionen im Unternehmen verbleibt.
Das ist wichtig, weil ein Unternehmen zwar einen hohen bilanziellen Gewinn ausweisen kann, gleichzeitig aber erhebliche Investitionen benötigt.
Ein dauerhaft positiver und wachsender Free Cashflow kann dem Unternehmen beispielsweise ermöglichen:
- Dividenden zu zahlen
- Aktien zurückzukaufen
- Schulden abzubauen
- Übernahmen zu finanzieren
- in weiteres Wachstum zu investieren
Deshalb lohnt sich bei der Aktienanalyse ein Vergleich zwischen Gewinn und Cashflow.
Wenn ein Unternehmen über längere Zeit hohe Gewinne ausweist, aber kaum freien Cashflow erwirtschaftet, sollte man genauer hinschauen.
12. KCV – das Kurs-Cashflow-Verhältnis
Das Kurs-Cashflow-Verhältnis, kurz KCV, setzt die Bewertung einer Aktie ins Verhältnis zum Cashflow.
Damit ähnelt das KCV dem KGV, verwendet aber den Cashflow anstelle des Gewinns.
Das kann bei Unternehmen interessant sein, deren ausgewiesene Gewinne durch bilanzielle Effekte stärker beeinflusst werden.
Auch das KCV sollte allerdings nicht isoliert betrachtet werden.
Je nach Geschäftsmodell können Cashflows stark schwanken. Deshalb ist auch hier die Entwicklung über mehrere Jahre häufig aussagekräftiger als ein einzelner aktueller Wert.
Welche Kennzahlen sind bei der Aktienbewertung besonders wichtig?
Wer gerade mit der Aktienanalyse beginnt, muss nicht versuchen, sofort jede Kennzahl zu beherrschen.
Ein sinnvolles System besteht aus fünf Bereichen:
| Bereich | Kennzahlen | Zentrale Frage |
|---|---|---|
| Bewertung | KGV, KUV, KBV, KCV | Wie teuer ist das Unternehmen? |
| Bewertung & Wachstum | PEG-Ratio | Ist die Bewertung im Verhältnis zum erwarteten Wachstum angemessen? |
| Wachstum & Profitabilität | Umsatzwachstum, Gewinnwachstum, Gewinnmarge, ROE | Wie gut entwickelt sich das Unternehmen? |
| Finanzielle Stabilität | Verschuldung, Free Cashflow | Wie solide ist das Unternehmen finanziert? |
| Ausschüttung | Dividendenrendite, Ausschüttungsquote | Wie viel erhalten die Aktionäre? |
Damit lässt sich die Aktienanalyse deutlich strukturierter durchführen.
Besonders wichtig ist dabei die Verbindung von KGV und PEG-Ratio.
Das KGV betrachtet die Bewertung des Gewinns.
Die PEG-Ratio ergänzt diese Betrachtung um das erwartete Gewinnwachstum.
Warum der Vergleich wichtiger ist als die einzelne Zahl
Eine Kennzahl sollte niemals völlig isoliert betrachtet werden.
Ein KGV von 20 kann günstig, angemessen oder teuer sein.
Um das beurteilen zu können, brauchst du einen Vergleich.
Vergleich 1: Wettbewerber
Wie hoch ist das KGV ähnlicher Unternehmen?
Dabei sollten möglichst Unternehmen mit vergleichbaren Geschäftsmodellen betrachtet werden.
Vergleich 2: Historische Bewertung
Wie wurde das Unternehmen in der Vergangenheit bewertet?
Wenn das aktuelle KGV deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt liegt, kann das interessant sein.
Es kann aber auch einen guten Grund dafür geben.
Vielleicht sind die Wachstumsaussichten schlechter geworden.
Vergleich 3: Wachstum
Wie stark wachsen Umsatz und Gewinn?
Hier kommt die PEG-Ratio ins Spiel.
Ein Unternehmen mit einem KGV von 30 und starkem Gewinnwachstum kann interessanter sein als ein Unternehmen mit einem KGV von 15 und stagnierenden Gewinnen.
Schritt-für-Schritt-Anleitung: So kannst du eine Aktie bewerten
Jetzt wird es praktisch.
Mit dem folgenden Ablauf lässt sich eine Aktie systematisch analysieren.
Schritt 1: Geschäftsmodell verstehen
Beginne nicht mit dem KGV.
Beginne mit dem Unternehmen.
Beantworte zunächst folgende Fragen:
- Was verkauft das Unternehmen?
- Wer sind die Kunden?
- Wie verdient das Unternehmen Geld?
- Welche Wettbewerber gibt es?
- Wie groß ist der Markt?
- Besitzt das Unternehmen Wettbewerbsvorteile?
- Welche Risiken bestehen?
Wenn du das Geschäftsmodell nicht in wenigen Sätzen erklären kannst, solltest du dich zunächst weiter mit dem Unternehmen beschäftigen.
Schritt 2: Umsatz und Gewinn analysieren
Schau dir die Entwicklung der vergangenen Jahre an.
Frage dich:
Steigt der Umsatz?
Steigt der Gewinn?
Sind die Gewinne stabil?
Gibt es starke Schwankungen?
Ein einzelnes gutes Geschäftsjahr ist weniger aussagekräftig als ein langfristiger Trend.
Schritt 3: Gewinnmarge überprüfen
Nun geht es um die Profitabilität.
Berechne beziehungsweise überprüfe die Gewinnmarge und ihre Entwicklung.
Eine wichtige Frage lautet:
Wächst das Unternehmen nur – oder wird es gleichzeitig profitabler?
Steigende Umsätze bei stabilen oder steigenden Margen sind grundsätzlich ein positives Signal.
Schritt 4: KGV und PEG-Ratio analysieren
Jetzt kommt die Bewertung ins Spiel.
Prüfe zunächst das KGV.
Anschließend setzt du es mit dem erwarteten Gewinnwachstum in Beziehung.
Beispiel
Eine Aktie hat:
- KGV: 25
- erwartetes Gewinnwachstum: 20 Prozent
Dann ergibt sich:
PEG-Ratio = 25 ÷ 20 = 1,25
Nun vergleichst du diesen Wert mit anderen Unternehmen.
Beispielsweise:
| Kennzahl | Unternehmen A | Unternehmen B |
|---|---|---|
| KGV | 15 | 30 |
| Gewinnwachstum | 5 % | 25 % |
| PEG-Ratio | 3,0 | 1,2 |
Beim KGV wirkt Unternehmen A günstiger.
Beim PEG sieht Unternehmen B interessanter aus.
Das zeigt, warum beide Kennzahlen gemeinsam betrachtet werden sollten.
Aber: Prüfe unbedingt, ob das angenommene Gewinnwachstum realistisch ist.
Schritt 5: KUV, KBV und KCV ergänzen
Nun kannst du weitere Bewertungskennzahlen heranziehen.
Das KUV kann helfen, wenn das Unternehmen wenig oder noch keinen Gewinn erzielt.
Das KBV ist bei Unternehmen mit hohen bilanziellen Vermögenswerten interessant.
Das KCV ergänzt die Gewinnbetrachtung um den Cashflow.
Du musst nicht für jede Aktie alle Kennzahlen gleich stark gewichten.
Die Bedeutung hängt immer vom Geschäftsmodell ab.
Schritt 6: Verschuldung prüfen
Als Nächstes solltest du dir die Bilanz anschauen.
Frage dich:
- Wie hoch sind die Schulden?
- Wie viel liquide Mittel sind vorhanden?
- Wie entwickelt sich die Verschuldung?
- Kann das Unternehmen seine Zinszahlungen problemlos leisten?
- Ist die Verschuldung im Branchenvergleich hoch oder niedrig?
Ein Unternehmen mit hoher Verschuldung kann in wirtschaftlich schwierigen Zeiten deutlich anfälliger sein.
Schritt 7: Free Cashflow analysieren
Jetzt geht es um das tatsächlich erwirtschaftete Geld.
Prüfe:
Ist der Free Cashflow positiv?
Wächst er?
Passt er ungefähr zur Gewinnentwicklung?
Ein stabiler und wachsender Free Cashflow kann ein wichtiger Qualitätsfaktor sein.
Schritt 8: Dividende untersuchen
Falls das Unternehmen eine Dividende zahlt, solltest du nicht nur auf die Dividendenrendite schauen.
Interessanter sind:
- Dividendenhistorie
- Ausschüttungsquote
- Gewinnentwicklung
- Free Cashflow
- Verschuldung
Eine niedrige Dividende kann beispielsweise bei einem Wachstumsunternehmen vollkommen sinnvoll sein, wenn das Unternehmen das Geld erfolgreich in weiteres Wachstum investiert.
Schritt 9: Wachstum realistisch einschätzen
Jetzt kommt einer der wichtigsten Schritte.
Gerade wenn du die PEG-Ratio verwendest, musst du die zugrunde liegende Wachstumserwartung hinterfragen.
Angenommen:
- KGV: 40
- erwartetes Gewinnwachstum: 40 Prozent
- PEG: 1,0
Das klingt zunächst attraktiv.
Aber kannst du wirklich davon ausgehen, dass das Unternehmen langfristig um 40 Prozent pro Jahr wächst?
Untersuche deshalb:
- Größe des Gesamtmarktes
- erwartetes Marktwachstum
- aktuelle Marktanteile
- Wettbewerb
- Preissetzungsmacht
- neue Produkte
- Margenentwicklung
- bisheriges Gewinnwachstum
Je höher die Wachstumserwartung, desto kritischer solltest du die zugrunde liegenden Annahmen prüfen.
Schritt 10: Drei Szenarien entwickeln
Eine gute Methode zur Aktienbewertung besteht darin, drei Szenarien zu entwickeln.
Pessimistisches Szenario
Das Unternehmen wächst deutlich langsamer als erwartet.
Basisszenario
Das Unternehmen entwickelt sich ungefähr so, wie es aktuell erwartet wird.
Optimistisches Szenario
Das Unternehmen wächst schneller als erwartet und kann möglicherweise zusätzlich seine Margen steigern.
Dadurch kannst du besser einschätzen, wie robust die aktuelle Bewertung ist.
Eine Aktie, die nur im optimistischen Szenario attraktiv erscheint, ist anders zu beurteilen als eine Aktie, die auch im Basisszenario vernünftig bewertet ist.
Ein einfaches Bewertungsschema für Anfänger
Wenn du eine Aktie regelmäßig analysieren möchtest, kannst du dir eine eigene Checkliste erstellen.
Geschäftsmodell
Verstanden? Ja / Nein
Wachstum
Umsatz wächst? Ja / Nein
Gewinn wächst? Ja / Nein
Profitabilität
Margen stabil oder steigend? Ja / Nein
ROE attraktiv? Ja / Nein
Bewertung
KGV attraktiv? Ja / Nein
PEG-Ratio attraktiv? Ja / Nein
KUV beziehungsweise KBV plausibel? Ja / Nein
Finanzielle Stabilität
Verschuldung vertretbar? Ja / Nein
Free Cashflow positiv? Ja / Nein
Ausschüttung
Dividende nachhaltig? Ja / Nein
Zukunft
Wachstum realistisch? Ja / Nein
Am Ende erhältst du damit kein mathematisch perfektes Kaufsignal. Du bekommst aber ein strukturiertes Gesamtbild.
Und genau darum geht es bei einer guten Aktienanalyse.
Die häufigsten Fehler bei der Aktienbewertung
Nur auf das KGV schauen
Ein niedriges KGV kann attraktiv wirken.
Wenn gleichzeitig die Gewinne sinken, kann die Aktie trotzdem teuer sein.
Nur auf die Dividendenrendite achten
Eine sehr hohe Dividendenrendite kann durch einen starken Kursverlust entstanden sein.
Wachstum ungeprüft übernehmen
Gerade bei der PEG-Ratio ist das entscheidend.
Eine niedrige PEG-Ratio kann nur dann aussagekräftig sein, wenn die erwartete Wachstumsrate realistisch ist.
Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen vergleichen
Ein Technologieunternehmen, eine Bank und ein Versorger haben völlig unterschiedliche Geschäftsmodelle.
Ihre Kennzahlen sollten deshalb nicht einfach über einen Kamm geschoren werden.
Nur ein Jahr betrachten
Ein einzelnes Geschäftsjahr kann durch Sonderfaktoren verzerrt sein.
Mehrjährige Entwicklungen sind meist aussagekräftiger.
Fazit: Aktien bewerten bedeutet mehr als nur das KGV zu betrachten
Eine gute Aktienbewertung besteht aus mehreren Bausteinen.
Das KGV zeigt, wie viel Anleger für den Gewinn eines Unternehmens bezahlen.
Das PEG-Ratio setzt diese Bewertung zusätzlich ins Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum und ist deshalb besonders bei Wachstumsaktien interessant.
Das KUV stellt die Bewertung dem Umsatz gegenüber, während das KBV den Börsenwert mit dem bilanziellen Eigenkapital vergleicht.
Umsatz- und Gewinnwachstum zeigen, wie sich das Unternehmen entwickelt. Die Gewinnmarge gibt Aufschluss über die Profitabilität. Der ROE zeigt, wie effizient das Unternehmen das Eigenkapital einsetzt.
Verschuldung und Free Cashflow helfen bei der Beurteilung der finanziellen Stabilität. Die Dividendenrendite zeigt schließlich, welche laufende Ausschüttung die Aktionäre erhalten.
Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel.
Die wichtigste Frage bei der Aktienbewertung lautet deshalb nicht:
„Ist das KGV niedrig?“
Sondern:
„Was bekomme ich für den aktuellen Preis – und welches Wachstum ist bereits im Aktienkurs eingepreist?“
Genau hier hilft die PEG-Ratio, eine wichtige Verbindung zwischen Bewertung und Wachstum herzustellen.
Systematischer Ablauf
Für eine systematische Aktienanalyse kannst du dich an diesem Ablauf orientieren:
Geschäftsmodell verstehen → Umsatz und Gewinn analysieren → Margen prüfen → KGV und PEG-Ratio bewerten → weitere Bewertungskennzahlen betrachten → Verschuldung prüfen → Free Cashflow analysieren → Dividende beurteilen → Wachstum hinterfragen → verschiedene Szenarien entwickeln → Gesamtbild bewerten.
Wer diese Schritte konsequent durchläuft, hat eine solide Grundlage geschaffen, um Aktien nicht nur nach ihrem Kurs, sondern nach der wirtschaftlichen Qualität und Bewertung des dahinterstehenden Unternehmens zu beurteilen.
Dabei sollte man jedoch immer im Hinterkopf behalten: Kennzahlen sind Werkzeuge und keine Garantien für zukünftige Kursentwicklungen. Auch eine scheinbar günstige Aktie kann weiter fallen, während eine hoch bewertete Aktie weiter steigen kann.
Das Ziel einer guten Aktienanalyse ist deshalb nicht, die Zukunft exakt vorherzusagen. Es geht vielmehr darum, die Chancen, Risiken und Bewertung eines Unternehmens möglichst nachvollziehbar einzuschätzen.

